Melodiva

Sandra Müller-Berg in Melodiva

„Mit dem Titel „Golightly“ schmückt die Kölner Jazzsängerin Anette von Eichel mit Vorsatz ihr viertes Album. Der Titel soll bewusst Assoziationen wecken an jene bezaubernd-verrückte Holly Golightly, wie wir sie alle aus dem Film „Frühstück bei Tiffany“ kennen. Anette von Eichel stieß während einer Zugfahrt auf das gleichnamige Buch und entbrannte sogleich für die Protagonistin: „Ich habe das Buch von der ersten Seite an geliebt. Besonders die Heldin mit ihrer Visitenkarte, all ihre Ideen über das Leben und Glück, die gleichzeitig komisch, romantisch, melancholisch und auch zuweilen ziemlich wild waren.“ Diese Attribute, die von Eichel in Golightlys Charakter entdeckte, halten auch gleichzeitig für eine geglückte Beschreibung dieser CD her.
Ihre Musik, man könnte sie vorsichtig als Mischung zwischen Cool Jazz und Free Jazz bezeichnen, besitzt auch eine „wilde“ Explosivität, die ein wenig an Miles Davis erinnert: schnelle, „harte“ Tempi, ausgefeilte, lange Instrumentalsoli und bitonale Strukturen. Prinzipiell ranken sich die Stücke um ein tonales Zentrum, werden jedoch gerne von tonartfremden Melodie-Bruchstücken – beispielsweise im Saxofon oder Orgel – durchbrochen. Ein markantes Beispiel dafür ist „Cages“, in dem von Eichel textlose Vokalisen zur Rhythmusgruppe und der Hammondorgel intoniert. Das macht sie großartig: Ihre warme, tiefe Stimme schwebt gekonnt über den instrumentalen Klängen und fasziniert durch ihre Leichtigkeit, die eine eventuelle außermusikalische Entsprechung in jener kindlichen Mädchenhaftigkeit der Holly Golightly findet. Anette von Eichel wird übrigens von einer Combo begleitet, die allesamt aus namhaften Musikern besteht: Florian Ross (org), Jesse von Ruller (g), John Hollenbeck (dr) und Jasper Blom (sax, cl).
Die Stücke mit den englischen Texten sind Eigenkompositionen, bis auf „Moon River“, das vielleicht eine Spur zu langsam erklingt und in dem die Hammondorgel meines Erachtens zu präsent ist.
Was lässt sich noch sagen? Die CD fängt gekonnt den „romantischen, witzigen und melancholischen“ Charakter von „Miss Holly Golightly“ ein, ohne dass die Musik unbedingt auf die außermusikalische Vorlage angewiesen wäre.“