Kulturlockdown – meine Gedanken dazu, 30.10.2020

Auch mich beschäftigt seit Mittwoch sehr, dass unsere Arbeit als Künstler*innen und Kulturschaffende von der Politik so gemeinhin unter Unterhaltung subsumiert wird und unser Beitrag zu unserer demokratischen Gesellschaft scheinbar so gering eingeschätzt wird. Ich möchte sofort sagen, ich nehme die jetzige Pandemie sehr ernst. Natürlich müssen Risikogruppen geschützt werden und unsere medizinische Infrastruktur nicht überstrapaziert. Ich habe viel Respekt für die Arbeit unserer demokratischen Politiker*innen! Ich möchte mit den Politiker*innen in entscheidenden Funktionen im Moment nicht tauschen müssen. Wir leben alle in einer schwierigen Zeit. Aber Kultur ist nicht nur Unterhaltung, sie schafft erst die Werte einer Gesellschaft! Wir Künstler*innen und Kulturschaffende schaffen den Raum, in dem sich eine Gesellschaft über ihre Werte und ihren demokratischen Zusammenhalt klar wird! Konzerte, Theater, Museen und Kinos sind die Orte, wo Menschen kreativ hören und schauen und gemeinsam als Publikum und als Individuum angestoßen werden, unsere Werte zu überdenken! Das ist für eine Gesellschaft essenziell wichtig! Kultur ist nicht reine Unterhaltung aus der Dose, die ich mir abends alleine auf der Couch im Stream reinziehen kann, damit ich am nächsten Tag wieder brav am Bruttosozialprodukt arbeiten kann. Klar, das ist auch mal schön – aber das reicht auf Dauer allein nicht aus! Es ist für ein politisches System gefährlich, das falsch einzuschätzen.
Dass mit den jetzigen Beschränkungen alle geleisteten Hygienekonzepte und alle finanziellen Investitionen von Veranstalter*innen, wie auch all das vorbildliche Verhalten unseres Publikums bei unseren Veranstaltungen der letzten Monaten völlig egal ist in der politischen Beurteilung, das wirft für mich auch ein problematisches Bild auf die Tatsache, dass es doch so sehr von unserem persönlichen Verhalten abhängen wird, ob wir dieser Pandemie Herr werden. Ich sehe hier große Widersprüche und zum wiederholten Male einen überhöhten Fokus der Politik auf industriewirtschaftliche Aspekte und Player. Dass wir als Kulturbranche in Deutschland ein wirklich großer Wirtschaftszweig sind, wird dabei außer Acht gelassen. Künstler*innen und Kulturschaffende sind hart arbeitende Menschen, die sich oft mit wenig zufrieden geben und die auch finanziell ihren erheblichen Beitrag zur Gesellschaft leisten! Wir brauchen redliche, nachvollziehbare Vorgaben aus der Politik, die das verantwortungsbewusste Verhalten von uns Bürger*innen in den Fokus stellen und die Frage, ob wir die Gefahr durch die Pandemie ernst nehmen. Die Kulturbranche als Ganzes hat das in den letzten Monaten klar gezeigt. Wenn ein Arbeitsverbot für uns jetzt tatsächlich kommt (was ja vielleicht auch in nächster Zeit durch Gerichte geklärt werden wird), dann müssen wir Künstler*innen und Veranstalter*innen dementsprechend finanziell kompensiert werden. Und was wir auf jeden Fall ganz dringend brauchen, sind Perspektiven für die Zukunft! Und wenn sie nicht aus der Politik kommen, dann müssen wir sie für uns schaffen, zB Stichwort neue Spielformate.
Wir als Szene müssen zusammenhalten! Wir als demokratische Gesellschaft müssen zusammenhalten! Es gibt jetzt viel zu tun – lasst uns konstruktiv und solidarisch zusammenhalten! Unsere Arbeit als Künstler*innen und Kulturschaffende hat eine große politische Dimension für unser Land!